Newsletter Perspektive Migration

#7 – 2017

Religion und Tod in der Polizeiarbeit

von Sibylle Stamm

Im Judentum und im Islam gilt die Weisung, dass ein Toter sofort beerdigt werden soll, möglichst innerhalb von 24 Stunden. Für die Angehörigen ist der Zeitfaktor nach Eintreten des Todes also von grosser Bedeutung. In Eile wird die Nachricht verbreitet und die Beerdigung organisiert. Meistens sind Beerdigungen eher karg und schmucklos. Der Leichnam wird nicht kremiert, denn es geht darum, möglichst "ganz" und schlicht vor Gott zu treten und danach in den ursprünglichen Zustand zurückzukehren und wieder zu Erde zu werden. Verzögerungen in der Bestattung durch die Einwirkung von Behörden nach dem Tod können für Muslime und Juden eine emotionale Belastung sein. Durch die weltlichen Prozeduren wird dem Toten der Übertritt ins Jenseits erschwert. Interkulturell kompetente Polizeiarbeit bedeutet in diesem Fall, dass man den Stressfaktor Zeit erkennt und berücksichtigt, in dem man rasch handelt und versucht, unnötige Verzögerungen zu vermeiden.
 
Anders ist es in Kulturkreisen, die vom Buddhismus geprägt sind. Buddhisten glauben an die Wiedergeburt. Es wird also davon ausgegangen, dass der Verstorbene nach seinem Tod anderswo ein neues Leben beginnt. Kurz vor dem Tod soll also jegliche Hektik vermieden werden, denn es ist wichtig, dass sich der Sterbende in Gelassenheit üben kann. Nach dem Tod soll der Leichnam möglichst drei Tage in Ruhe gelassen und auch nicht angefasst werden. Der Tote kann bis zu einer Woche zu Hause oder im Tempel aufgebahrt werden. Danach wird der Leichnam verbrannt. Interkulturell kompetente Polizeiarbeit bedeutet hier also genau das Gegenteil: Im Rahmen seiner Möglichkeiten kann man versuchen, Hektik und Stress zu vermeiden und für die Totenruhe möglichst viel Zeit einzuberaumen.
 
Durch den Hinduismus geprägte Kulturkreise messen der Reinigung des Leichnams eine grosse Bedeutung zu. Es wird angenommen, dass durch das Wasser nicht nur der Körper, sondern auch die Seele gereinigt wird. Nach der Reinigung wird der Leichnam verbrannt und die Asche in einen Fluss gestreut. In der Schweiz wurde dieses Ritual in verschiedenen Städten offiziell genehmigt. Was für die Polizei vielleicht von besonderer Bedeutung sein kann ist die Tatsache, dass die Waschung, Leichenverbrennung und Totenprozession im Hinduismus öffentliche Ereignisse sind. Je nach Bekanntheitsgrad des Verstorbenen kann es also zu grösseren Menschenansammlungen kommen.

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Der Newsletter Perspektive Migration wird von Sibylle Stamm und Mark Moser verfasst. Sibylle Stamm ist Politologin und arbeitet als Coach in Bern. Mark Moser arbeitet als Berater für interkulturelle Kompetenz, ebenfalls in Bern.

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