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There used to be a time that I believed
The soft pouring rain was just the pouring rain, it wasn't me
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Good evening, Europe!

Normalerweise wäre jetzt Sommer und wir säßen alle in Biergärten oder an Flussufern oder anderen Plätzen, die - Formulierung, die sonst nur Stadtplanungsbüros verwenden - zum Verweilen einladen und die Aufenthaltsqualität steigern.

2020 ist aber nicht so ein stabiler, überbordender Sommer wie in den letzten Jahren, sondern recht wechselhaft und überhaupt 2020, das heißt: Man ist ja schon völlig überfordert, wenn man mal einen Tag mit anderen Menschen irgendwo verbringt. Die fear of missing out, also die (oft unbegründete) Sorge, irgendetwas zu verpassen, zeigt sich in diesem Jahr bei mir allenfalls darin, dass ich jede trockene, sonnige Minute im Garten verbringen will, weil es ja eine der wenigen trockenen, sonnigen Minuten des Jahres gewesen sein könnte.

Das heißt aber auch, dass ich in diesem Sommer zwar keine großen Sport-Events im Fernsehen schaue (weil sie alle nicht stattfinden), dafür aber Filme und Serien — und da gibt es ja genug.

Seit etwa zwei Wochen kann man bei Disney+ „Hamilton“ schauen. (Falls Ihr die letzten fünf Jahre unter einem Stein verbracht habt, was erstaunlicherweise einige Menschen aus meinem engsten Umfeld getan zu haben scheinen: „Hamilton“ ist das Musical- und Theater-Ereignis des frühen 21. Jahrhunderts — ein Musical über Alexander Hamilton, einen der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika. Geschrieben wurde es von Lin-Manuel Miranda, der auch die Hauptrolle spielt, und das Besondere ist, dass die meisten Figuren von BIPoC gespielt werden, also Schwarzen und Latinx — und dass viele Songs gerappt statt gesungen werden. Die Vorstellungen waren über Jahre ausverkauft und das, was man bei Disney+ sehen kann, ist eine Aufzeichnung aus dem Juni 2016, also einer Zeit, als alles noch einigermaßen gut war.) 

Ich war darauf vorbereitet, dass mir „Hamilton“ gefallen könnte, aber nicht, wie sehr: Es ist wirklich unfassbar gut. Schon die ersten fünf Minuten sind so energetisch, so dicht und spektakulär, dass ich eigentlich direkt noch mal von vorne anfangen wollte — ein Gefühl, das sich die nächsten zweieinhalb Stunden nicht gelegt hat. Wenn man sich nicht für die Gründungsgeschichte der USA interessiert, spielt das überhaupt keine Rolle, weil die Songs und Performances alle so sensationell gut sind, dass die Geschichte fast egal wird (und jetzt eh nicht unbedingt historisch präzise wiedergegeben wird). Und wenn man Musicals eher doof findet, weil man dabei an „Das Phantom der Oper“ mit deutschen Texten und ältere Damen mit Pailletten-Kussmund auf dem T-Shirt und Pikkolöchen denken muss, sollte man hier seine Vorurteile über Bord werfen. (Was ist falsch an Pailletten-Kussmündern?) Es lohnt sich. Sehr.
 



Außerdem habe ich endlich mal „Fleabag“ auf Amazon Prime geguckt. Diese Serie (na ja: es sind zwei Staffeln mit je sechs Folgen á 25 Minuten, also mithin ein Sonntagnachmittag, der sich ein bisschen in den Abend zieht) über eine junge Frau in London, die ihren Platz im Leben sucht, hatten verschiedenste Menschen, deren Urteil ich vertraue, immer wieder empfohlen. Ich hatte vor Jahren sogar die ersten beiden Folgen geschaut und dann aber irgendwie vergessen, weiterzumachen (was auch daran liegen könnte, dass die ersten beiden Folgen durchaus gut sind, die Serie aber danach - und ganz besonders in der zweiten Staffel - erst richtig an Fahrt gewinnt).

Phoebe Waller-Bridge, die die Hauptrolle spielt und alle Drehbücher geschrieben hat, ist in beidem sehr gut, wobei der Rest des cast ebenfalls toll ist. Die zweite Staffel zählt mit zu dem Besten, was ich in meinem Leben je gesehen habe — und befindet sich dort in Gesellschaft mit dem ebenfalls frisch eingetroffenen „Hamilton“. Wenn der Sommer so instabil bleibt, gucke ich diese Sachen jetzt einfach jeden Abend!
 



Ansonsten probiere ich gerade mal das aus, was dieses bürgerliche Konzept „Urlaub haben“ bedeutet: Ich hab ein paar Wochen ohne Jobs, die ich zuhause verbringe. Wobei „Entspannen“ oder „Nichts tun“ bei meiner eher schwammigen Berufsbezeichnung und keinen echten Hobbys natürlich ein bisschen schwierig ist, weil letztlich alles, was ich lese, höre und gucke ja wieder irgendwie mit meiner Arbeit zu tun haben kann.

Entsprechend bin ich auch gerade dabei, parallel eine Fernsehserie, einen Roman und ein Musical zu entwickeln, was ich natürlich andererseits schon seit ungefähr 20 Jahren mache, weswegen meine engen Freund*innen jetzt wahrscheinlich denken: „Ja, Lukas, dann mach auch mal ...“ (Wenn Ihr mir jetzt alle abwechselnd alle paar Wochen in den Hintern tretet, wird das vielleicht auch noch was!)
 



Immerhin das klappt: Am Freitag ist die zweite Folge von „Bist Du noch wach?“ erschienen, der neuen Podcastreihe von Sue Reindke und mir. Wir sprechen unter anderem über Bücher, die unser Leben verändert haben, absurde Jobs, problematische Songs und die Lieder, die ich auf meiner Beerdigung hören möchte:

Wir freuen uns über Feedback!
Was macht der Garten? Der freut sich natürlich über den vielen Regen. Erdbeeren haben wir jetzt jedenfalls reichlich.

Was hast Du gehört? Gordi ist der Künstlerinnenname der jungen australischen Musikerin Sophie Payten. Schon ihr Debütalbum „Reservoir“ von 2017 war voll mit melancholischen, schwelgenden und dramatischen Alternative-Pop-Hits, ihr Zweitwerk „Our Two Skins“ (Spotify, Apple Music) macht genau dort weiter — und zählt definitiv zu den besten Alben, die ich dieses Jahr gehört habe.

Rufus Wainwright hat mit „Unfollow The Rules“ (Spotify, Apple Music) sein erstes Album mit eigenen Songs seit 2012 aufgenommen — und das ist sehr gut und ziemlich zugänglich geworden.

In der „Musikbibliothek“ von Kiepenheuer & Witsch, in der auch Bücher von Thees Uhlmann über die Toten Hosen und von Anja Rützel über Take That erschienen sind (und für die ich sehr gerne wahlweise über Ben Folds, Andrew McMahon oder die Pet Shop Boys schreiben würde, Frau Gleba!), hat Sophie Passmann im vergangenen Jahr ein Buch über Frank Ocean veröffentlicht — oder genauer die Schnittmenge ihres eigenen Lebens mit Frank Oceans Album „Blonde“. Diesen Text gibt es als Hörbuch bei Spotify — und als Playlist, damit man die passenden Songs direkt hören kann. Es sind berührende gut anderthalb Stunden, die einem auch die Musik von Frank Ocean nahebringen können, wenn man vorher noch nichts damit am Hut hatte.

Außerdem hab ich mal mit meinem losen Vorhaben weitergemacht, mehr Klassische Musik zu hören, und mir Anton Bruckners 5. Sinfonie vorgenommen. Schon im ersten Satz erklingen sowohl deutliche Vorbilder für „Seven Nation Army“ von den White Stripes als auch den „Imperial March“ aus John Williams' „Star Wars“-Soundtrack (der ja sogar Passagen aus der Nationalhymne der DDR enthält) und ich liebe es ja immer total, Popkultur rückwärts zu erklären, also zu schauen (oder in diesem Fall: zu hören), wo das alles angefangen hat.

Was hast Du gelesen? „I May Destroy You“ ist eine neue BBC/HBO-Serie, die manchmal mit „Fleabag“ verglichen wird — nur, weil in beiden Fällen eine Frau Autorin und Hauptdarstellerin ist. Bei „I May Destroy You“ geht es um sexualisierte Gewalt, Selbstbestimmung und entsprechend ist das wohl alles weniger lustig — man kann die Serie in Deutschland leider noch nicht gucken, aber im „New York Magazine“ bzw. bei „Vulture“ ist ein Porträt über Michaela Coel, die Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin erschienen, das sich sehr beeindruckend liest. So hat sie ein Angebot von Netflix über eine Million Dollar abgelehnt, weil sie in dem Deal alle Urheberrechte verloren hätte, und anschließend ihre amerikanische Agentur gefeuert, die sie zu dem Deal drängen wollte!

Was hast Du gesehen? Das Kind guckt gerade mal wieder ganz begeistert die „Checker“-Reihe des Bayerischen Rundfunks, in der die sogenannten Checker Tobi, Julian und Can pro Folge ein alltägliches Thema kindgerecht von verschiedenen Seiten beleuchten (also so ein bisschen wie „Galileo“, das sein Publikum ernst nimmt).

Im „Familien-Check“ (ARD-Mediathek) geht es naheliegenderweise um Familien. Dort werden auch Patchwork- und Regenbogenfamilien mit einer Selbstverständlichkeit vorgestellt, die im Jahr 2020 zwar eigentlich nicht mehr besonders erwähnenswert sein sollte, aber irgendwie hat es mich doch sehr berührt und begeistert.

Was hast Du gelernt? 15 US-Dollar sind ungefähr 13,13 Euro.
„Hamilton“ UND Regina Spektor UND Ben Folds! Wir haben ein Bingo!
Schönes Wochenende & stay positive, Euer Lukas

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