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It's coming on Christmas
They're cutting down trees
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Good evening, Europe!

Es ist ja eigentlich immer plötzlich Dezember, aber dass der Monat selbst in einem Jahr, das sich zog und anfühlte wie anderthalb Dekaden, überraschend kommt, war dann doch ... überraschend.

Wir haben unseren Tannenbaum schon vor zweieinhalb Wochen aus dem Baumarkt geholt, in die Wohnung gestellt und geschmückt. Ich habe die Fenster geputzt, dann haben wir die Fenster festlich geschmückt und weil die größte LED-Kette mehrere Disco-und-Losbuden-Programme hat, können wir uns ein wenig Weihnachtsmarkt-Atmosphäre ins Wohnzimmer holen. Beim Discounter habe ich Duftkerzen mit dem Geruch von gebrannten Mandeln entdeckt und wenn uns das immer noch nicht reicht, schmeißen wir Bratwürste oder Champignons in die Pfanne und schon riecht die ganze Bude nach Weihnachtsmarkt.

Ich hoffe, es klingt nicht zynisch, wenn ich sage, dass mir persönlich die Vorweihnachtszeit 2020 eigentlich ganz gut gefällt: Keine Glühwein-Verabredungen mit Menschen, mit denen man sich sonst aus guten Gründen nie trifft; viel weniger Stress; festlich geschmückte Innenstädte in Bochum und Köln ohne Bretterbuden und Tourist*innen — das kommt mir alles schon ziemlich entgegen. Zumal das Bochumer Stadtmarketing einen wirklich charmanten Ersatz mit Pop-Up-Weihnachtsmarkt-Ständen in leerstehenden Ladenlokalen und großem Online-Begleitprogramm aus dem Boden gestampft hat.

Für das Kind heißt es natürlich andererseits: kein Adventsbasar in der Schule; kein fliegender Weihnachtsmann über dem Dr.-Ruer-Platz; für die Karussells ist es nächstes Jahr womöglich schon zu groß; das Weihnachtsspiel in der Schule ist ohne Eltern — aber das Christkind hat den ersten komplett selbstgeschriebenen Wunschzettel schon abgeholt und überhaupt: „An Weihnachten werden mehr DHL-Fahrzeuge unterwegs sein als Bahnen!“

Micky Beisenherz hat für die „Süddeutsche Zeitung“ einen sehr anrührenden, wahren Text verfasst, in dem es unter anderem um den Wunsch geht, Weihnachten auch dieses Jahr mit der Vier-Generationen-Familie verbringen zu wollen; aber auch um Beerdigungen in Corona-Zeiten und die generelle emotionale Überforderung, die dieses Jahr für uns alle gebracht hat. Online ist der Text hinter der Bezahlschranke, aber wenn Ihr eh ein „SZPlus“-Abo habt und gerne Zeitungstexte mit feuchten Augen (also: den eigenen, nicht denen der Zeitungstexte) lest, solltet Ihr diesen Text lesen!
 



Schon bevor alle Häuser festlich geschmückt waren, habe ich einen Spaziergang der besonderen Art unternommen: Zwischen zwei Nachtschichten war ich um 18 Uhr wach geworden — viel zu früh, natürlich. Weil frische Luft deutlich besser beim Wiedereinschlafen hilft als genervt im Bett rumzuliegen, habe ich mich angezogen und bin so lange durch meine Nachbarschaft gelaufen, bis ich alle Songs von Taylor Swifts „folklore“ gehört hatte.

Ich gehe gerne durch die Gegend und gucke mir Häuser an, aber um diese Tages- und Jahreszeit war es natürlich ein völlig anderes Bild als an Sommernachmittagen: Die Menschen kommen gerade von der Arbeit nach Hause (oder beenden das Home Office), ihre Zimmer sind hell erleuchtet und man bekommt einen Eindruck davon, wie es in anderen Wohnungen und Leben so aussieht. Mit hohen Bücherregalen kann man mich immer begeistern und, Junge, wer hätte gedacht, dass innenstadtnahe Akademiker*innen- und Künstler*innen-Haushalte so viele Bücherregale, Designmöbel und überraschende innenarchitektonische Entscheidungen offenbaren?
 



Als Kind und Jugendlicher war es einer meiner Wünsche, Architektur zu studieren, was mir mein Architekten-Vater und seine Architekten-Freunde erfolgreich ausgeredet haben. (Was, seien wir ehrlich, vermutlich auch eine gute Idee war, wenn wir uns mal für einen Moment vorstellen, wie ich auf die Wünsche von Bauherr*innen reagieren würde.) Die Begeisterung für Architektur und Design ist geblieben, weshalb es auch kein allzu großes Wunder ist, dass mein aktuell liebstes TV-Programm die BBC-Reihe „The World's Most Extraordinary Homes“ ist, die man bei Netflix sehen kann.

Der preisgekrönte Architekt Piers Taylor und die Schauspielerin/Bauträgerin Caroline Quentin reisen in dieser Doku-Serie um die Welt und sehen sich ... nun ja: außergewöhnliche Häuser an. Dabei stimmt einfach alles: die Häuser stammen natürlich eh alle aus der überschaubar gefüllten Kategorie „Wenn Geld und Geschmack mal Hand in Hand gehen“ und sind aufwendig in Szene gesetzt, aber auch die Chemie zwischen den beiden co-hosts ist einfach wundervoll. Die kindliche Begeisterung, mit der beide durch die Wohnhäuser tapsen, die sie aber auch immer sehr gut begründen können, überträgt sich zumindest auch auf mich.

Ich habe mit der Reihe angefangen, als ich auf der Suche nach einem guten Einschlaf-Programm war (ich schlafe einfach wahnsinnig gerne bei laufendem Fernseher bzw. iPad ein; es gibt mir ein wohliges Kindheitsgefühl der Geborgenheit), und dann aber sehr schnell festgestellt, dass ich das alles viel zu toll finde, um zwei Drittel einer Folge zu verpennen. Seitdem starte ich jede Episode drei bis vier Mal, um auch wirklich alles mitzubekommen, und spare mir die letzten verbliebenen Folgen (es sind insgesamt zwölf) auf wie die letzten guten Pralinen, die man zu Weihnachten bekommen hat.
 



Mehr oder weniger aus Versehen habe ich im Herbst meinen eigenen YouTube-Kanal gelauncht: Ich hatte auf Instagram ein paar Mal was in die Kamera erzählt und weil Instagram vieles ist, aber kein guter Ort, um Videos zu hosten, die man irgendwie mit dem Rest der Welt teilen will, habe ich den Kram dann eben auch auf YouTube hochgeladen. 

Wichtig waren mir die Grundregeln: kein Stress, keine regelmäßigen Veröffentlichungstermine, kein Blick auf die Abrufzahlen, kein planloses Die-ganze-Welt-Abkommentieren, sondern wirklich nur die Kamera aufbauen, wenn es in mir brodelt und ich Gefahr laufe, meinen Mitmenschen andernfalls gehörig auf die Ketten zu gehen. Es stellt sich raus, dass die bisherigen Themen, bei denen ich mir ausreichend Motivation und Sachverstand zutraue, „Gelöschte Tweets von Jan Böhmermann über Peter Urban“, „Michael Wendler“ und „Nazi-Vergleiche“ lauten.

Hier ist jedenfalls mein aktuelles, zwei Wochen altes Video über „Querdenken“-Demonstrantinnen, die sich mit NS-Opfern vergleichen, über den traditionellen Umgang von Republikanern mit Pandemien und über die Geburtstage meiner Oma, als sie klein war:
 

Was macht der Garten? Zum Nikolaus/2. Advent-Essen (ein Haushalt) gab es Salat aus dem eigenen Vorgarten mit gebratenen Champignons (nicht aus dem eigenen Garten, aber aus dem Anfang dieses Newsletters, die Älteren werden sich trotz der Scroll-Arthritis, die sie sich seitdem geholt haben, erinnern). Ein einzelner kleiner Salatkopf ist noch da, aber das war es dann auch wirklich. Selbst das Spielhaus ist schon abgebaut und sicher im Keller verstaut, nachdem es beim ersten Herbststurm schon fast seine eigene kleine Nachbarschaftswanderung unternommen hatte.

Was hast Du gehört? Eigentlich sollte ich langsam mal meine Jahresbestenlisten zusammenstellen, aber ich will nicht so recht: Auf der long list für die Songs des Jahres sind aktuell 117 Titel und bei den Alben habe ich noch eine lange Liste von Veröffentlichungen, die ich auch noch hören wollte.

Endlich mal gehört habe ich aber „The Glow“ (Spotify, Apple Music), das dritte Album des australischen Trios DMA'S. Jedes Mal, wenn deren Single „Never Before“ auf Radioeins lief, dachte ich: „Oh, cool, ein Stone-Roses-Song, den ich nicht kannte!“, und jedes Mal hieß es dann in der Abmoderation, das seien DMA's mit ihrer aktuellen Single gewesen. Das Album klingt tatsächlich, als sei es eigentlich 1995 veröffentlicht worden, auf dem Höhepunkt der Britpop-Welle, irgendwo zwischen besagten Stone Roses, Charlatans, The Farm, Blur, Lightning Seeds, The Verve und ja, ich könnte noch zwanzig weitere Britpop-Acts aufzählen, aber mal ehrlich, wer will schon an Cast, Ocean Colour Scene oder Menswear erinnert werden?! Außerdem erinnert das Album aber auch an die letzte große Indierock-Welle von 2005 und ist damit hervorragender Eskapismus. (Und in 15 Jahren unsere Kinder dann alle so: „Boah, dieses neue Album hier klingt voll nach 2020: so Soundqualität wie bei einem mittelguten Livestream und in den Texten geht es um Isolation und Existenzangst.“ We'll see.)

Apropos 1995: So heißt das „neue“ Album (Spotify, Apple Music) von Kruder & Dorfmeister, das tatsächlich in Wahrheit vor 25 Jahren entstanden ist, aber bisher nie veröffentlicht wurde, was zu der absurden Situation führt, dass dieses weltweit gefeierte DJ-Duo jetzt, mehr als zwanzig Jahre nach seinen Remixen und Compilations, endlich sein Debüt-Album veröffentlicht. Es klingt exakt wie Titel und Entstehungsgeschichte nahelegen: nach Cafés, unter denen man damals sonst meist eher noch überheizte Orte verstand, in denen Senior*innen (naja: meist nur Frauen, die Männer waren ja schon alle tot) Schwarzwälder Kirschtorten und Frankfurter Kränze in sich hineinschaufelten, was aber natürlich nicht für die urbanen Cafés galt, in denen die „DJ-Kicks“ von Kruder & Dorfmeister in Dauerschleife lief; heute wäre man ja froh, wenn man seine betagten Verwandten noch in so ein Tantencafé ausführen könnte, aber es gibt ja nur noch Latte Macchiato mit Sojamilch und vegane Canabis-Cookies und man muss auf verschraubten Europaletten sitzen, wobei „heute“ natürlich eh die Zeit vor Corona meint, jedenfalls ... Entschuldigung, wie war die Frage? Ach so, ja: Man kann sich das wunderbar vorstellen in Cafés, an urbanen Stränden, für die irgendwo Sand auf ein altes Industriegelände gekippt wurde, und selbst auf so verdammte Kiffer-Parties in Studierenden-WGs würde man ja fast gerne noch mal gehen, wenn man nur endlich mal wieder rauskönnte! Es klingt aber, so weit ist die Zeit dann doch fortgeschritten, auch ein wenig nach Telefon-Warteschleifen, wo man heute nicht mehr mit Acht-Bit-Klassik konfrontiert wird, sondern eben mit so entspannter, elektronischer Lounge-Musik, weswegen man - Rückwärtskonditionierung! - sich manchmal plötzlich ganz angespannt fühlt und den Zwang verspürt, seine Kundennummer herauszusuchen, wenn man solche Musik hört. Aber was wäre eine bessere Metapher für 2020?!

Was hast Du gelesen? Dem deutschen Kabarett widerfährt dieses Jahr das, was es jahrzehntelang für sich selbst in Anspruch nahm: es wird genau hingeschaut. Das ist oft unappetitlich, muss aber sein. Matthias Kalle hat sich in der „Zeit“ die Disziplin der Parodie vorgenommen und lässt nicht viel übrig: „Die Kunstform scheint komplett aus der Zeit gefallen zu sein, vielleicht war es sie aber schon immer, nur ist es einem in den Achtziger- und Neunzigerjahren einfach nicht aufgefallen.“

Warum kommen so viele „Querdenken“-Trottel eigentlich aus dem Schwabenland und aus Sachsen? Dieser Frage ist Marc Röhlig für „Spiegel Online“ nachgegangen und er hat sie, wie ich finde, recht überzeugend beantwortet. Ich hatte bisher nicht angenommen, dass es in Deutschland signifikante Zusammenhänge zwischen Regionen und Weltanschauungen gäbe (also: von „Außer im Ruhrgebiet und an der Küste sind alle seltsam“ mal ab), aber offenbar gibt es doch so etwas wie einen deutschen „Bible Belt“, wo sich Menschen zusammentun, um gegen eine fortschrittliche Gesellschaft zu sein. Einfach, um dagegen zu sein.

Ich wusste bis vor zweieinhalb Wochen nicht, dass in den 1950er Jahren rund 2.500 Kinder, die aus Verbindungen deutscher Frauen und afroamerikanischer Soldaten hervorgegangen waren, zur Adoption durch Schwarze Familien in die USA verschifft wurden. Nach der Lektüre eines sehr persönlichen Textes von Jutta Weber im „Rosa Mag“ weiß ich es.

Meghan Markle, die Herzogin von Sussex, hat in der „New York Times“ über die Fehlgeburt geschrieben, die sie diesen Sommer erlitten hat. Sie ist nach Chrissy Teigen die zweite sehr berühmte Frau, die in diesem Jahr bewusst mit dieser Information an die Öffentlichkeit geht. Fehl- und Totgeburten gelten immer noch als Tabu-Themen, was einem erst auffällt, wenn sie plötzlich im engsten Umfeld passieren, man einigermaßen hilflos neben den trauernden Eltern steht und dann später doch begreift: Diese schlimme Erfahrung ist viel weiter verbreitet, als man gedacht hatte.

Was hast Du gesehen? Die Komikerin Sarah Cooper, die in diesem Jahr mit ihren lip synch-Videos, in denen sie zu O-Tönen von Donald-Trump die Lippen bewegt, Weltruhm erlangt hat, hat ein Netflix-Special veröffentlicht: In „Sarah Cooper: Everything's Fine“ spielt sie die Moderatorin einer morning show, die an der Nachrichtenlage verzweifelt. Es ist eine absurde, manchmal ins Psychedelische driftende, Parade von Szenen, Gast-Auftritten und eben jenen Trump-Playbacks, bei denen jetzt nicht jede Idee meinen Humor trifft, die, die treffen, dafür umso mehr. Und wenn man selbst für eine morning show arbeitet, ist es noch lustiger.

Taylor Swift hat ja bekanntlich im Sommer ihr Quarantine-Album „folklore“ veröffentlicht, das ich für ihr bisher bestes Werk halte. Jetzt hat sie nachgelegt und bei Disney+ die „long pond studio sessions“ veröffentlicht, wo sie die Songs des Albums mit ihren Mit-Komponisten und -Musikern Aaron Dessner und Jack Antonoff zum ersten Mal gemeinsam spielt, was an sich schon wunderschön ist. Zwischendurch unterhalten sich die drei über die Entstehungsgeschichte der Songs und diese verfilmten liner notes geben den Liedern noch eine zusätzliche Tiefe. Jedenfalls kann ich „epiphany“ seitdem nicht mehr hören, ohne Tränen in den Augen zu haben.

Im Ersten läuft aktuell der Mehrteiler „Das Geheimnis des Totenwaldes“, in der Matthias Brandt die fiktionalisierte Version des Kriminalpolizisten und Leiters des LKA Hamburg, Wolfgang Sielaff, spielt, dessen Schwester  1989 verschwunden ist, was wiederum im Zusammenhang mit den sogenannten „Göhrde-Morde“ stehen könnte (keine Spoiler hier). Ich muss gestehen, dass ich diese Nacherzählung noch nicht geschaut habe — wohl aber die dazugehörige Dokumentation „Eiskalte Spur“ in der ARD-Mediathek. Der Fall war mir durch mehrere true crime podcasts schon aus verschiedenen Blickwinkeln bekannt, aber so verdichtet waren die Überlagerungen von persönlichem Schicksal und kriminalistischer Arbeit über drei Jahrzehnte (inkl. der permanent im Raum stehenden Frage, warum es eigentlich kein echtes deutsches FBI gibt) schon sehr beeindruckend.

Was hast Du gelernt? Klar kannst Du mit Deinem Sohn Fußball spielen gehen. Und klar kannst Du drei Stunden in der Küche stehen und Weihnachtsplätzchen backen. Aber wenn Du beides hintereinander machst und eh schon kaputte Knie hast, tut's vielleicht einfach ein bisschen weh.
Habt eine schöne Adventszeit & stay positive, Euer Lukas

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