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Zwischenmenschliche Kontakte mußt du ab jetzt etwas beschränken
Tja... Langsam wird es Zeit, an Gott zu denken
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Good evening, Europe!

Montag war der erste Sommertag des Jahres: Meteorolog*innen brauchen dafür Temperaturen über 25°C, mir reicht es, wenn ich draußen in kurzen Hosen rumlaufen kann (was auch bei 24°C geht). Und das ist acht Tage nach dem ersten halbherzigen Schneefall des Jahres schon ein interessantes Erlebnis. Aber welche Bedeutung haben Jahreszeiten, Wochentage oder Uhrzeiten schon in solchen Zeiten?

Die Osterferien waren für mich in meiner Schulzeit meistens bedeutsamer als die Sommerferien: 1995, zum Beispiel, bin ich mit meinem Vater erstmals zu unseren amerikanischen Verwandten nach San Francisco geflogen. Wohl kaum eine Reise hat mich im Leben mehr geprägt: auf Kalifornien, amerikanische Popkultur, blauen Himmel über dem Pazifik und den Geruch von Kaffee und Kerosin — kurzum auf alles, was Freiheit verheißt. 25 Jahre später kam ich diese Woche am Düsseldorfer Flughafen vorbei, wo die Linienmaschinen nebeneinander geparkt waren wie sonst höchstens nach dem 11. September oder dem Ausbruch des Eyjafjallajökull.

In den Osterferien 2000 habe ich mir in einer Waldhütte im Hunsrück selbst Gitarre spielen beigebracht, 2001 war ich mit meinem Vater in Rom, um den katholischen Teil meiner Identität als Kind einer Mischehe auszuleben, inklusive Palmweihe auf dem Petersplatz. Selbst als Schulferien für mich keine Rolle mehr spielten, hatten die Wochen um Ostern immer noch häufig eine besondere Bedeutung: 2004 bin ich in diesen Tagen zum Beispiel nach Bochum gezogen — und noch immer ist der Himmel über unserer Stadt im Frühjahr für mich fast so wunderschön blau-verheißungsvoll wie der über San Francisco.
 



Dieses Jahr ist - um mal eine Phrase zu vermeiden - alles anders (wobei der Himmel natürlich, s.o., in Ermangelung von Kondensstreifen besonders schön ist). Es ist, wie meine katholische Heimatgemeinde St.Vincentius in Dinslaken eher pragmatisch als pathetisch bemerkt, „vermutlich das erste Mal, dass seit der Christianisierung unseres Landes die Ostergottesdienste nicht mit den Gemeinden zusammen gefeiert werden“ — wenn man sich aber vorstellt, dass die Leute während der mittelalterlichen Pest-Epidemien zusammen in der Kirche gesessen haben, möchte man schon anmerken, dass es dann jetzt so vielleicht doch besser ist.. 

Die Palmwedel wurden bereits in Abwesenheit der Gemeinde geweiht, dieses Jahr wird es das erste Mal sein, dass mich das Tanzverbot an Karfreitag nicht aufregt. Dann eben anders, wie so vieles dieses Jahr. Die Hasen- und Lammbackformen produzierende Industrie reibt sich die Hände.
 



Die dritte Woche shelter in place war trotzdem anders als die davor, denn ich hatte fünf Nachtschichten beim ARD-Morgenmagazin. Das bedeutete zunächst mal, nachts mit dem Zug nach Köln zu fahren, was kein Problem war — die Züge waren nur noch leerer, als sie es sonst schon sind. Im WDR waren die meisten Redakteur*innen natürlich im Homeoffice, auch in der Regie und im Studio wurden die strengen, neuen Abstandsregeln angehalten und alle drei Minuten roch es nach Zahnarzt, weil wieder jemand Hände, Tastatur oder (manchmal, versehentlich) den Fußboden desinfiziert hatte.

Es war aber wirklich schön, weil alle sich freuten, mal wieder andere Menschen als die eigene Familie zu sehen. Die Arbeit war auch eher entspannt, weil es ja faktisch keine aktuellen Entwicklungen mehr gibt, wenn in der Welt einfach gar nichts mehr passiert. Nach fünf Nachtschichten in Folge ist man dann allerdings auch froh, dass es vorbei ist — und wenn es zum Job gehört, die Social-Media-Kanäle im Blick zu haben, deutet sich auch an, dass das Ende der Fastenzeit mitnichten auch das Ende meiner Twitter-Abstinenz bedeuten wird. Meine Rückkehr in diesen digitalen Vorhof der Hölle möchte ich also gut gelaunt terminlich eng an die endgültige Fertigstellung des Kölner Doms knüpfen.
 


Jedenfalls freuen wir uns jetzt über die ersten richtig warmen Tage, in denen es im Garten nach Grillfleisch und Möbellack riecht und man am nur leicht vom Lagerkoller beeinflussten Leben in den Nachbarhäusern teilhaben kann, weil es jetzt draußen stattfindet.

Ich freue ich mich auch schon darauf, dass wir alle, wenn das alles vorbei ist, viel lauter reden werden, wegen der vielen instabilen Telefonkonferenzen und der Gespräche mit zwei Meter Abstand. Werde ich mich noch daran erinnern, welche Menschen ich früher zur Begrüßung umarmt und wem ich die Hand gegeben habe? Und werde ich, gleichermaßen bekannt für Reserviertheit wie für völlig übertriebene Zuneigungsbekundungen, wohl einfach niemanden mehr umarmen — oder alle


Was macht der Garten? Die ersten Sämlinge sind ausgewildert, also in Gefäße außerhalb der Wohnung gesetzt worden. So langsam kommen auch die Paprikapflanzen. Wir haben den Stachelbeerstrauch, der sich angeblich seit Jahrzehnten in unserem Garten befindet, ein bisschen zurechtgeschnitten (hoffentlich taugt das erste Google-Ergebnis zu „Stachelbeerstrauch schneiden“ irgendwas!), und uns noch ein kleines richtiges Beet im Garten angelegt (wenn meine Eltern erfahren, dass ich freiwillig Unkraut gezupft habe, muss ich bestimmt beim nächsten Besuch in Dinslaken zehn Jahre Gartenarbeit nachholen!).

Was hast Du gehört? Ich habe gemerkt, dass ich in Zeiten wie diesen am Liebsten auf Musik zurückgreife, die mir vertraut ist. Also habe ich auf dem Weg nach Köln und zurück viel The Hold Steady, R.E.M., Demi Lovato und Oasis gehört. (Eine dreieinhalbstündige Deluxe-Edition von „Be Here Now“?! Klar! Immer! — Spotify, Apple Music.) Dann ist Adam Schlesinger von Fountains Of Wayne mit 52 an COVID-19 gestorben und ich musste ein bisschen Fountains Of Wayne hören, was ich immer mal sehr dringend vorgenommen hatte, aber nicht unter diesen Umständen hätte passieren sollen. Und dann kam die Nachricht, dass Bill Withers gestorben ist ...

Neue Musik habe ich aber auch noch irgendwo reinquetschen können: „Boys Toys“ (Spotify, Apple Music), das Debütalbum des österreichischen Rappers Mavi Phoenix, den ich letztes Jahr beim Eurosonic für mich entdeckt habe, wo er noch als österreichische Rapperin firmierte, und „It Is What It Is“ (Spotify, Apple Music), das neue Album von Thundercat. Für ersteres braucht man vielleicht ein bisschen mehr Kontext bzw. Biographie, letzteres ist einfach ziemlich cool.

Was hast Du gelesen? Fußball, ESC, Corona — alles wird für mich erst richtig interessant, wenn man Statistiken bemühen kann. Deswegen breche ich mal mit meiner eigenen Regel, keine Texte zum Thema Corona zu verlinken, und verweise auf das Interview, das „Spiegel Online“ mit dem Statistiker Gerd Antes geführt hat.

Was hast Du gesehen? Nächste Runde Disney+: „Cars 3“ (Teil 2 hat das Kind mit seiner Mama geschaut, so dass wir jetzt beide nur Teile der Geschichte kennen — dennoch: sehr schön!), „Monster AG“ (kannte ich schon, ist aber mit dem eigenen Kind noch schöner als mit 18 im Kino) und dann habe ich alleine „The Mandalorian“ angefangen, also die erste Realfilm-Serie aus dem „Star Wars“-Universum. Was soll ich sagen? Es ist eine Serie und das wird einfach nicht mehr mein Medium. Wenn man Spannungsbögen mag, deren Krümmung mit dem bloßen Auge nicht mehr von einer Gerade zu unterscheiden ist, und die „Hobbit“-Trilogie ein bisschen zu kurzweilig fand, wird man auch hierdran Freude finden. Ich werde natürlich trotzdem jede neue Folge gucken, weil dieser wöchentliche Rhythmus einfach zu verlockend ist, um aufzuhören (vgl. „Star Trek: Picard“).

Was hast Du gelernt? Diese komische Regelung, dass man nur noch mit Einkaufswagen in den Supermarkt darf, rührt daher, dass ja nur eine bestimmte Personenzahl in den Laden darf — und man das am Leichtesten kontrollieren kann, indem man eine abgezählte Anzahl Einkaufswagen zur Verfügung stellt. Manchmal bin ich wirklich beeindruckt, auf was für geniale Ideen die Menschheit trotz allem so kommen kann! Oder, wie ich immer sage: There’s a good reason these tables are numbered, Honey, you just haven’t thought of it yet!
Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!
Stay positive & Frohe Ostern, Euer Lukas

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