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We learned more from a three-minute record, baby
Than we ever learned in school
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Good evening, Europe!

Seit dem letzten Newsletter vor knapp vier Wochen waren Sommer, Herbst und die allerschlimmste Jahreszeit — nämlich ein obskurer Karneval ohne Masken, aber mit dem Versuch, mit Reichsflaggen in den Deutschen Bundestag einzubrechen.

Ronen Steinke hat für die „Süddeutsche Zeitung“ aufgeschrieben, was das eigentlich für Leute waren, die angeblich nichts gemein haben, außer einer diffusen Wut auf eine Bundeskanzlerin, die es schafft, Deutschland halbwegs elegant durch die dritte Krise in zwölf Jahren zu führen: „Es sind Antisemiten. Es sind Rassisten.“

Falls Ihr Leute kennt, die am Wochenende mit den (anderen) Nazis und Aluhüten dafür demonstrieren wollten, andere Leute anstecken zu dürfen, denkt bitte immer daran: Es ist total okay, den Kontakt zu schlimmen Menschen abzubrechen! (Falls Ihr die Hoffnung noch nicht aufgegeben habt, hält beispielsweise die Amadeu Antonio Stiftung Materialien bereit, wie man konstruktiv das Gespräch suchen kann.)
 

Auf dem Höhepunkt dieses eher durchwachsenen Sommers gab es ein paar Tage mit mehr als 35 Grad — das war genau die Zeit, als das Kind seine allerersten Schultage hatte. 

In dieser Erwachsenenwelt, wo man die offiziellen Sommerhits nicht mehr kennt und man die einzelnen Jahre nicht mal mehr anhand der Fußball-Meister unterscheiden kann, merkt man ja gar nicht so richtig, wie die Zeit vergeht. Außer, der kleine Mensch, den man eben noch auf dem eigenen Unterarm tragen konnte, steht plötzlich mit Tornister vor einem und marschiert ganz entschlossen los in einen neuen Lebensabschnitt.

Vor 30 Jahren, als ich selbst eingeschult wurde, hat meine Oma gesagt, jetzt ginge „der Ernst des Lebens“ los, und das war eine der wenigen Sachen, die ich ihr wirklich übel genommen habe. Denn ernst kann das Leben schon vorher sein, wenn die eigenen Freund*innen plötzlich gemein zu einem sind, die Eltern streiten oder das Haustier stirbt. Und gleichzeitig kann und sollte die Schulzeit immer noch voller Spaß und Freude und toller Erlebnisse sein!

Meine Oma hatte, biographisch bedingt, manchmal noch so preußische Pflichterfüllungsanwandlungen; heute, im Zeitalter des Neoliberalismus, halten viele die Grundschule schon für die erste Stufe der Optimierung für den Erwerbsarbeitsmarkt. Das zeigte sich gut bei den Diskussionen um die Wiedereröffnung der Schulen nach der Corona-Schließung, in denen viel vom „Stoff“ die Rede war, was unangemessen nach Drogenkonsum klang, und wenig vom sozialen Umfeld, in dem die ... ja, doch: Kinder da ihren Tag verbringen, und das sie nicht durch WhatsApp und Zoom ersetzen konnten.

Die Kinder, jedenfalls, tragen jetzt auf dem Weg zu ihrem Platz und auf dem Schulhof klaglos Masken und machen bisher keinerlei Anstalten, bald mit Nazis und psychisch kranken Kochbuchautoren in die Hauptstadt fahren zu wollen. Der Unterricht gefällt ihnen gut und die etwas seltsamen Gefühle, die ich vor der Einschulung aufgrund meiner eigenen, nicht besonders schönen, Schulzeit hatte, sind erstmal weg.

Es fällt mir mitunter echt schwer, mich daran zu erinnern, dass meine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen allenfalls eine untergeordnete Rolle spielen und hier ein ganz anderer Mensch in einer ganz anderen Zeit eigene Erfahrungen machen muss. Aber so lerne ich wenigstens auch noch was!
 

„Sind wir schon nach Corona?“, fragt Sue Reindke mich in der neuen, vierten Folge unseres Podcasts „Bist Du noch wach?“, und ich denke, es bedarf keines Spoiler Alerts, wenn ich hier schon verrate, dass meine Antwort natürlich lautet: „Natürlich nicht!“

Ansonsten geben wir Geschenke- und Haushaltstipps, sprechen über Liebeskummerbegleitmusik, Freundschaften im Laufe der Zeit und überraschend viel über Lavendel. Es ist eine sehr schöne Folge und Ihr könnt sie ungefähr überall hören, wo es Podcasts gibt:

Was macht der Garten? Was macht man mit so vielen Cocktail-Tomaten? Bloody Mary?

Was hast Du gehört? Nachdem monatelang Touren abgesagt und Alben verschoben wurden, brach kurz nach Taylor Swift der Damm — und es ging rund: Allein an einem einzigen Freitag erschienen die neuen Alben von Kathleen Edwards, James Dean Bradfield und Biffy Clyro. Und an dem darauf die von den Bright Eyes und den Killers.

Erstere hatte sich vor sechs Jahren aus dem Musikgeschäft zurückgezogen und in ihrer Heimat einen Coffee Shop gegründet, jetzt singt sie auf „Total Freedom“ (Spotify, Apple Music) zum Glück wieder wunderschöne, etwas melancholische Alternative-Folk-Songs über das Leben.

Der Sänger der Manic Street Preachers hat 14 Jahre nach seinem Solo-Debüt mit „Even In Exile“ (Spotify, Apple Music) ein Konzeptalbum über Victor Jara aufgenommen — und gleich noch eine dreiteilige Podcast-Serie (Spotify, Apple Podcasts) über den chilenischen Protestsänger produziert. (Seid unbesorgt: Ich wusste vorher auch nichts über Victor Jara, habe aber in der Zwischenzeit auch eine Netflix-Dokumentation über seinen Tod im chilenischen Militärputsch von 1973 geschaut.)

Biffy Clyros „A Celebration Of Endings“ (Spotify, Apple Music) ist schließlich das, was man 2020 von Biffy Clyro erwartet: Rocksongs mit vertrackten Rhythmen, poppig-melancholische Midtempo-Nummern. Also alles wie gehabt.

Nachdem er in den letzten neun Jahren unter allen bisher bestehenden, aber auch neuen Projektnamen Alben veröffentlicht hatte, muss Connor Oberst eingefallen sein, dass er ja ursprünglich mit dieser Band namens Bright Eyes berühmt geworden war — also gibt es jetzt „Down In The Weeds, Where The World Once Was“ (Spotify, Apple Music), an dem es, wie zu erwarten, nichts auszusetzen gibt.

Auch The Killers sind mit „Imploding The Mirage“ (Spotify, Apple Music) gewohnt hymnisch und haben mit „Caution“ einen der Anwärter auf meinen „Song des Jahres“ auf der Platte.

So schön es ist, neue Musik von alten Held*innen zu hören, so schön ist es natürlich auch immer noch, Acts (für sich) neu zu entdecken. Nachdem ich „Oh My God“ von Sevdaliza schon im Februar (also vor drei, vier Jahrhunderten) lobend erwähnt hatte, ist mit „Shabrang“ (Spotify, Apple Music) jetzt das zweite Album der iranisch-niederländischen Musikerin erschienen. Das Internet bezeichnet die Musik als „Electronic, alternative R&B, trip hop, experimental pop, avant-pop“, aber manchmal hilft es ja, sich Sachen einfach anzuhören und darauf einzulassen.

(Das waren jetzt ganz schön viele Absätze. Sollte ich vielleicht einfach mal wieder im Blog über Musik schreiben? Interessiert Euch das?)

Was hast Du gelesen? Am 31. Oktober wird, sollte die Welt zuvor nicht endgültig untergegangen sein, der Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“ eröffnet — oder halt der BER. Alle Witze sind gemacht und werden noch in 50 Jahren Kleinkunstabende schmücken, aber jetzt ist das Ding soweit fertig, dass Architekturkritiker*innen rein- und darüber schreiben durften. Bernhard Schulz zeigt sich im „Tagesspiegel“ durchaus angetan, Friederike Meyer lobt im „Baunetz“ die „im besten Sinne deutsche Architektur, die ihrer Aufgabe, einen funktionierenden Flughafen mit Ortsidentität zu planen, gerecht wird“, Peter Richter spricht in der „Süddeutschen Zeitung“ (kostenpflichtig) eher von einem „5,9 Milliarden teure[n] Jein aus Glas, Stahl, Muschelkalk und sehr viel französischem Nussbaumfurnier“.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat Werner Müller porträtiert, den „Sprachpfleger“ des Bayerischen Rundfunks. Klingt ein bisschen nach Deutschtümelei, ist aber eine schöne Geschichte für Linguistiknerds wie mich. (Wer über ahnungslose Deutschtümelei beim Thema Sprache lesen will, für den hat Henning Lobin im Blog vom „Spektrum der Wissenschaft“ über ein paar Idioten geschrieben, die den neuen „Duden“ kritisieren.) 

Ebenfalls in der „Süddeutschen Zeitung“ hat sich Jens-Christian Rabe angesichts eines aktuellen Skandals das Deutscheste vorgeknüpft, was ich mir überhaupt vorstellen kann: das Kabarett. Es ist eine etwas deprimierende Bestandsaufnahme („Denn die Werkseinstellung des deutschen Humors ist leider die Schadenfreude.“), aber im Text gibt es eine lange Liste von englischsprachigen Komiker*innen, deren Auftritte man sich zumeist auf Netflix angucken kann um zu lernen, wie man im 21. Jahrhundert lustig sein kann.

Was hast Du gesehen? An dem Tag, der der 68. Geburtstag von Joe Strummer hätte sein sollen, gab es mit „A Song For Joe“ auf YouTube eine Nummernrevue mit wirklich namhaften Künstler*innen, die Songs von The Clash und aus seinen späteren Alben spielten, Anekdoten über ihn erzählten, und damit Geld sammeln wollten für die darbende Livemusik-Industrie. Ich habe die Ausstrahlung live auf YouTube verfolgt und es war toll, dieses Lagerfeuer-Live-Gefühl zu haben, obwohl die Sendung (Ich bin alt und arbeite beim Fernsehen, wie nennt man das sonst?) komplett vorproduziert war.

Eher versehentlich bin ich bei Amazon Prime an „A Head Full Of Dreams“ geraten. Die Beschreibung klang nach einem Coldplay-Live-Konzert, das ich beim Arbeiten im Hintergrund mitlaufen lassen wollte, es war aber eine Doku über die Bandgeschichte, die wahnsinnig nah dran war und mich noch mal daran erinnert hat, wie gut und wichtig für mich diese Band mal war. (Dass man in der Doku einen sehr jungen Chris Martin sieht, der in die Kamera erklärt, dass seine Band in ein paar Jahren unglaublich groß und erfolgreich sein werde, hat leider etwas den Mythos zerstört, dass hier vier Schluffis von der Kunsthochschule total aus Versehen zur letzten großen Rockband der Musikgeschichte geworden sind.)

Außerdem habe ich in der ARD-Mediathek „Wim Wenders Desperado“ geguckt, den Dokumentarfilm über das Leben 'n' Werk von Wim Wenders, den Eric Friedler und Andreas „Campino“ Frege anlässlich des 75. Geburtstags des Regisseurs gedreht haben. Zusätzlich kann man sich bis zum 14. September 28 Filme von Wim Wenders in der Mediathek anschauen, was zeitlich jetzt vielleicht ein bisschen knapp wird — und natürlich voraussetzt, dass man irgendeine Affinität zu Wim Wenders hat. Die Dokumentation ist jedenfalls sehr schön gemacht mit Schnitt-Gegenschnitt-Reënactments legendärer Wenders-Szenen, aber ich hab hinterher auch gedacht: „Arbeiten möchte ich mit dem Mann jetzt auch nicht unbedingt ...“

Was hast Du gelernt? Hausmittel sind schön und gut, aber wenn Dein Fuß nach einem Wespenstich aussieht wie ein schön aufgegangener Hefeteig, kann ein bisschen Cortison-Salbe wahre Wunder wirken.
Klingt wie die Coverversion eines 90 Jahre alten Gassenhauers, ist aber ganz neu — und toll!
Habt eine schöne Restwoche & stay positive, Euer Lukas

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