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Wir sehen unmöglich aus
Wir sind der Zeit voraus
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Good evening, Europe!

Auf den letzten Newsletter habe ich ungewöhnlich viel Feedback bekommen, auch von einigen Menschen, die mir sehr wichtig sind. Das ist schön, weil ich ja sonst manchmal vergesse, dass es tatsächlich Menschen gibt, die den ganzen Quatsch lesen, den ich so schreibe (oder überhaupt Menschen).

Neben vielen netten Worten erreichte mich der Hinweis, dass das sehr, sehr gute Buch „Was man von hier aus sehen kann“ nicht, wie von mir behauptet, im Oden-, sondern im Westerwald spielt. Das ist richtig, auch wenn ich bei beiden Wäldern nicht den Hauch einer Ahnung habe, wo sie sich befinden! (Mein Wissen über die Regionen südlich von Köln-Marienburg beschränkt sich auf den Merksatz „Mosel, Nahe, Saar und Rhein rahmen rings den Hunsrück ein“.)

Es sind seit dem letzten Mal auch außergewöhnlich viele neue Abonnent*innen hinzugekommen, die ich an dieser Stelle sehr herzlich begrüßen möchte! You met me at a very strange time in my life, aber so geht's uns ja wohl allen.
 



Im letzten Newsletter hatte ich ja noch mit Verweis auf Joni Mitchell geschrieben, dass ich oft nicht merke, wenn etwas in meinem Leben nicht mehr da ist. Das war im Wesentlichen metaphorisch gemeint, aber es sollte sich wenige Tage später auch auf ganz konkrete Weise bewahrheiten:

Ich fuhr mit dem Mietfahrrad (mein liebstes Verkehrsmittel, seit Miss Rona in jedem Bus und jeder Bahn mitfahren könnte) zum Einkaufen, als an einer Ampel plötzlich eine junge Frau auf einem Fahrrad neben mir stehen blieb und mir ein Portemonnaie hinhielt. Mein Portemonnaie, das ich in der Gesäßtasche meiner Jeans wähnte. (Ich habe seit frühester Kindheit einen kleinen, aber feinen Kontrollzwang, was Schlüssel, Portemonnaie und - inzwischen auch - Handy angeht: Einmal Rundumklopfen, bevor ich die Wohnung verlasse, wenn ich unterwegs bin, ungefähr immer.)

Ich hatte zwar ein paar hundert Meter zuvor auf der Hauptstraße ein Geräusch hinter mir gehört und mich auch umgedreht, das offenkundig heruntergefallene Portemonnaie dabei aber nicht gesehen. Jetzt bekam ich es knapp eine Minute später hingehalten und war viel zu perplex, um mehr als „Danke, vielen Dank!“ zu stammeln. Die unbekannte Heldin fuhr dann auch sofort weiter, ehe ich ihr als Finderlohn etwas aus meinen jetzt immer noch vorhandenen Bargeldvorkommen hätte zukommen lassen können.

Also, falls Du das zufällig liest: Bitte melde Dich!
 



Ich habe keine Ahnung, die wievielte Woche des Lockdowns sich langsam ihrem Ende neigt. Ohne Bundesliga und ESC bin ich völlig orientierungslos und so viel, wie ich in den letzten Wochen den Garten gegossen habe, könnte auch gut August sein. Womöglich ist auch August, ich weiß es wirklich nicht!

Jedenfalls darf man jetzt wieder in Buchhandlungen und Plattenläden und andere Nicht-Lebensmittelgeschäfte, aber das ist natürlich alles sehr merkwürdig.

Die Betreiber des tollen, kleinen Hamburger Plattenladens Hanseplatte haben das in ihrem letzten Newsletter sehr gut auf den Punkt gebracht:

Wir halten es psychologisch nicht gerade für sinnig, den meisten „Uns reicht's jetzt, lasst mal wieder treffen/kaufen/rauskacken“-Pissnelken mit den gelockerten Regeln ein Signal zu geben. Und wir halten es auch für verantwortungslos, den ökonomischen Druck vorrangig solchen kleinen Geschäften wie dem unseren aufzubürden, die sich gegen ein bißchen mehr Umsatz nun kaum wehren werden.

Ich verstehe das Bedürfnis der Menschen nach Normalität, aber man knutscht ja auch nicht mit Menschen, die gerade die Magen-Darm-Grippe haben, auch wenn man sie sehr liebt!

Der Aachener Karnevalsprinz, der NRW übergangsweise regieren darf, bis sich mal wieder politisches Spitzenpersonal in Deutschlands bevölkerungsreichstes Bundesland verirrt, findet es ja zum Beispiel urstwichtig, dass Küchenstudios wieder aufmachen dürfen. Ich habe wirklich nicht viel Ahnung von VWL, aber ich würde mal annehmen, dass es in der aktuellen Situation absolut niemanden gibt, der es für einen guten Zeitpunkt hält, um viel Geld zu investieren und sich fremde Menschen mehrere Tage lang in die eigene Wohnung zu holen. Aber vielleicht liege ich da ja auch ganz falsch.

Jedenfalls muss man in Geschäften ja wenigstens einen Mund-Nasen-Schutz tragen, wobei man schon schön beobachten kann, wie gut manche erwachsenen Menschen so über die eigene Anatomie Bescheid wissen — aber ich hab gut reden, vielleicht gibt es auch Menschen, die ihre Nase einfach nie sehen! Die Umgangsformen in den Supermärkten scheinen mir mit der Zeit auch wieder etwas rumpeliger geworden zu sein: Während draußen auf Straßen und Plätzen die Mindestabstände auf teils rührende Weise eingehalten werden (ich bin mir sicher, dass so bei einer früheren Pandemie der Square Dance erfunden wurde!), sieht es an den Kühlregalen und Gemüseauslagen etwas anders aus. 

Aber wer weiß: Vielleicht muss die Frau, die sich gerade so ungeschickt vorgedrängelt hat, noch für ihre greise Mutter einkaufen, während der Mann zuhause auf die Enkel aufpasst, was er natürlich erstens nicht sollte und zweitens noch nie alleine gemacht hat, und da könnte man ja schon verstehen, wenn sie gestresst und in Gedanken ist. Weiß man ja nicht und meist ist man ja dann doch nicht so in Eile. Wenn Ihr passiv-aggressive Beschimpfungen von Mitmenschen haben wollt, die das nie werden lesen können, müsst Ihr also weiter auf Twitter gehen!
 



Vor ziemlich genau 15 Jahren habe ich ein paar Tage im Keller meiner Eltern verbracht, um ein paar Songs aufzunehmen. Seit ich meine ersten Englischvokabeln gelernt hatte, hatte ich keine deutschsprachigen Lieder mehr geschrieben, aber die Bands der Stunde hießen kettcar, Tomte, Wir Sind Helden, Jupiter Jones, muff potter. und Tocotronic — und so hab ich mich auch mal an deutschen Texten probiert und unter dem Projektnamen Herbstlaub eine EP namens „Rocktage“ produziert.

Dass ich die Aufnahmen nie auch nur halbwegs ernsthaft veröffentlicht habe, hatte mehrere Gründe: Es war ja eh nur ein Demo, man konnte jedem Song anhören, welchem oben genannten Vorbild er nachempfunden war, und 2005 war ich gerade dabei, mein anderes Soloprojekt namens Occident in eine Band umzuwandeln und damit die ersten Konzerte zu spielen.

Jetzt lagen die Aufnahmen 15 Jahre auf meiner Festplatte und ich dachte: Warum die EP nicht einfach jetzt raushauen, passend zum Jubiläum? Es ist immer noch das gleiche Demo, nix remastered, keine Special Edition, noch das gleiche piselige Artwork, der gleiche beknackte Bandname und der gleiche alberne Titel.

Aber: Jetzt auf Bandcamp, zum Streamen und - wenn man möchte - kaufen!

Ich glaube nicht, dass es irgendjemanden interessieren wird, aber nachdem Friedrich Küppersbusch mich letzte Woche in seinem neuen YouTube-Format „Locker Room“ als „Autor, Musiker und Journalist“ bezeichnet hat, hab ich jetzt wenigstens mal Musik veröffentlicht!
 



Norbert Blüm ist vergangene Woche gestorben. Er war neben Theo Waigel und Hans-Jochen Vogel eines der letzten politischen Möbel aus meiner Kindheit, wobei ich bei ihm erst sehr viel später begriffen habe, dass er noch mehr war als die „Hallo, Deutschland!“-Gummipuppe.

Es ist jedenfalls ein guter Anlass, um noch mal auf den sensationellen „Spiegel“-Text von Britta Stuff aus dem Jahr 2015 zu verweisen, in dem sie Norbert Blüm dabei begleitet, wie der aus Anlass seines anstehenden 80. Geburtstags sein altes Adressbuch abtelefoniert. Ich könnte diesen Text alle paar Wochen lesen, so gut, unterhaltsam und warmherzig ist er!


Was macht der Garten? Diese Woche hat es zum ersten Mal seit Beginn des Lockdowns geregnet. Der Flieder sieht ein bisschen gerupft aus und ich musste natürlich trotzdem gießen, weil unsere Pflanztöpfe ja extra so stehen, dass sie möglichst nicht plattgeregnet werden können, aber wenigstens staubt es nicht mehr ganz so sehr.

Was hast Du gehört? Ich brauchte dringend etwas Gehaltvolles, Unterhaltsames ohne Bezug zur aktuellen Situation — also habe ich angefangen, „32 x Beethoven“ zu hören (Apple PodcastsSpotify), einen Podcast von BR Klassik, in dem Igor Levit und der Beethoven-Fachmann Anselm Cybinski über die 32 Klaviersonaten Ludwig van Beethovens sprechen. Mein Verhältnis zu klassischer Musik ist ähnlich wie mein Verhältnis zu Wein: Ich verstehe nicht so richtig viel, aber ich weiß, was mir gefällt und was nicht. Wenn Igor Levit aber erklärt, was da in der Musik vor sich geht, und das dann spielt, kann ich das alles gut nachvollziehen. (Außerdem bin ich natürlich, wie Ihr alle, ein bisschen in Igor Levit verknallt.) Ich hab die ersten sechs Folgen jetzt zum Einschlafen gehört, deswegen verpasse ich meistens die zweite Hälfte, aber ich denke, ich kann die Reihe trotzdem guten Gewissens empfehlen — und die Beethoven-Klaviersonaten in der Einspielung von Igor Levit auch (Spotify, Apple Music).

Was hast Du gelesen? Ich weiß, nicht, wie es Euch geht, aber wir haben im Moment recht viel Zeit zum Vorlesen. So haben das Kind und ich schon zum zweiten oder dritten Mal „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ durchgelesen und jetzt auch zum ersten Mal „Jim Knopf und die Wilde 13“. Ersteres liebe ich eh, weil ich nach Lukas, dem Lokomotivführer benannt bin, und es einfach eine sehr schöne Heldenreise ist (wenn man beim Vorlesen die allerärgsten Stereotypen und die eine Erwähnung des N-Worts überspringt), letzteres hatte ich zuletzt vor sechs Jahren gelesen und als eher öde in Erinnerung, aber es war auch ein ganz wunderbares Buch, in dem es z.B. ein paar sensationelle Stellen über Gesellschaftsformen und Politik gibt, an denen man auch als Erwachsene*r noch Spaß haben kann.

Das beste Zitat zu diesem Thema stammt natürlich weiterhin aus dem ersten Buch: „Lokomotiven haben zwar keinen großen Verstand - deshalb brauchen sie ja auch immer einen Führer-, aber sie haben ein sehr empfindsames Gemüt.“ Bei dem eingeschobenen Halbsatz muss ich jedes Mal lachen.

Das Kind liest bisher leider nur die Kapitelüberschriften, weswegen so schwierige Aufgaben wie die Rezitation von Frau Mahlzahns Passagen, die wirklich extrem auf die Stimmbänder schlagen, an mir hängen bleiben.

Was hast Du gesehen? Ich habe ja kein Netflix-Abo, weil ich das alles zu unübersichtlich finde und meine Lebenszeit endlich ist, aber Netflix hat wegen des Lockdowns angefangen, manche Eigenproduktionen kostenlos auf YouTube zugänglich zu machen. Darunter ist auch die Doku-Reihe „Abstract: The Art of Design“. In der ersten Folge geht es um den Illustrator Christoph Niemann und den Heiligen Gral, das „New Yorker“-Cover, und ich fand das nicht nur inhaltlich interessant, sondern auch graphisch sehr schön und originell gelöst. Weiter bin ich noch nicht gekommen, aber in den weiteren Folgen geht es unter anderem um den größten Popstar der Architektur, Bjarke Ingels, und den Stage Designer Es Devlin — und das steht auf meiner Liste fürs Wochenende.  

(Und weil ich schon mal auf YouTube war, hab ich da auch noch den Auftritt der Manic Street Preachers am Cardiff Castle von 2015 geschaut.)

Was hast Du gelernt? Es gibt nichts, was Dich auf den Moment vorbereiten kann, in dem Dein Kind zum ersten Mal einen Schultornister aufsetzt!
Never gets old: Am letzten Tag des April Last Days Of April hören!
Stay positive, Euer Lukas

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