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My actions make me beautiful
And dignify the flesh
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Good evening, Europe!

Wie es sich nach einem ESC gehört, habe ich einen Wust von Ohrwürmern, die gleichzeitig in meinem Kopf ablaufen (als ich heute Morgen mit dem maltesischen Beitrag des Vorjahres erwachte, dachte ich aber auch: „Jetzt muss mal gut sein!“), aber anders als in den letzten zehn Jahren („zehn“?! Fuck: „zehn“!) ist die Post-ESC-Depression dieses Jahr weitgehend ausgeblieben.

Das lag natürlich daran, dass es bei aller Liebe und allem Respekt dann eben doch kein richtiger, großer ESC war, bei dem man zehn oder mehr Tage in einem fremden Land (oder Düsseldorf) ist, sondern eben „Das deutsche Finale“. Trotzdem hat es großen Spaß gemacht, diese kleine, große Show mit diesem tollen Team zu machen. Besonders gefreut haben mich die Rückmeldungen auf Twitter oder in Nachrichten an mich, die sinngemäß lauteten: „Toll, dass das unter diesen Umständen überhaupt geklappt hat, so etwas auf die Beine zu stellen!“

Eben. Liveshows im Fernsehen sind eine Mischung aus mündlicher Abiturprüfung, mud run und Ballett: Man ist theoretisch gut vorbereitet, aber es ist eine große Kraftanstrengung, bei der viel passieren kann, und man muss präzise mit anderen zusammenarbeiten. Und jetzt stellt Euch das mal unter den Bedingungen vor, unter denen Ihr seit zehn Wochen im Supermarkt einkaufen geht!

Auch „Europe Shine A Light“, die Show, die die niederländischen Kolleg*innen statt des Grand Finals produziert haben, war ein besonderes Erlebnis: im ganzen Ton eher feierlich, mitunter gar staatstragend („Beleuchtete Wahrzeichen in 37 Städten, dazu spielt ein Orchester ,Love Shine A Light‘“ klang auf dem Papier erst mal ein bisschen wuchtig, sorgte dann aber mit seinem aufrichtigen Pathos für einen echten Gänsehautmoment — und weil die Flammentürme von Baku im Hintergrund zu sehen waren, waren sogar alle Kriterien für einen echten ESC erfüllt), aber alles in allem sehr würdevoll und passend. (Und wie großartig waren bitte die Versionen von „Molitva“ und „Ein bisschen Frieden“?!)

Und weil ich nach vier Stunden Livesendung noch nicht genug hatte vom ESC, hab ich im Hotelzimmer dann noch bis Viertel vor Vier das Finale von 2010 geguckt. Und am nächsten Tag die Folge der ohnehin sehr guten Podcast-Reihe „Switched On Pop“ gehört, in der einige der diesjährigen Songs vorgestellt wurden und Netta, die Siegerin von 2018, zu Wort kommt.
 


Als ich dann wieder zuhause war, erreichte mich auf allen Kanälen dieses Video:

Ihr seht den ersten Ausschnitt aus der lange angekündigten Netflix-Komödie „Eurovision“, für die im letzten Jahr in Tel Aviv einige Aufnahmen des Publikums gemacht wurden, und die am 26. Juni veröffentlicht wird. (Ich hatte mir immer ausgemalt, dass es eine große PR-Veranstaltung in Berlin geben würde, zu der unser ESC-Team eingeladen wird und auf der ich dann Will Ferrell und Demi Lovato „Hi!“ sagen könnte, aber das Leben ist - wie der ESC auch - kein Wunschkonzert und es gibt dieses Jahr wirklich wichtigere Dinge.)
 

Ich finde es immer noch merkwürdig, dass es jetzt diese ganzen Lockerungen gibt. Klar: Die Gastronomiebetriebe stehen eh schon mit dem Rücken zur Wand, aber da hätte ich mir lieber noch ein fettes Konjunkturpaket gewünscht, statt die Verantwortung auf die Betreiber*innen, das Personal und letztlich auch uns als potentielle Gäste abzuwälzen.

Ich war in meinem Leben drei Mal „gut Essen“, aber Hunderte Male in Restaurants und Tausende Male in Kneipen. Ich hab Freund*innen, die immer noch dort arbeiten. Ich fühle mich doof und mitschuldig am Untergang, wenn ich sage: „Nee, sorry, immer noch nicht!“ Aber Nachtleben lebt halt von Sorglosigkeit, von Nähe — eine Mahlzeit unter Sicherheitsauflagen einzunehmen, stelle ich mir ähnlich anstrengend vor wie Essen im Flugzeug.

Und überhaupt: Ich habe leider keine Statistiken gefunden, wie viele Menschen nach einem Sturm zu Schaden kommen, weil sie denken, es sei alles überstanden, und dann im Wald von losem Holz getroffen werden — aber der verdammte Sturm ist ja noch nicht mal vorbei!

Fast alle Musiker*innen und Bands, denen ich auf Instagram folge, haben alle für dieses Jahr geplanten Konzerte abgesagt — auch, um Klarheit für alle Beteiligten zu schaffen.

Der großartige Ben Folds hat dazu vor ein paar Wochen einen sehr klugen Newsletter verschickt, in dem er seine Gedankengänge offen legt (und den Ihr hier nachlesen könnt). Darin schreibt er auch:

Our federal government leaders have decided to let the states and cities fend for themselves, making decisions like these all more stressful. It's a little like when traffic lights are out during a storm. (Nobody ever complained of the government coming between them and a car accident, did they?) Absent clear direction, we're all left to rely on what the car ahead of us did, hoping that nobody gets run over in the process. Honestly, absent federal guidance, I took my cue from Taylor Swift who also cancelled all her touring for 2020. A decision like that takes guts, so thank you President Swift.

(Die Klammer ist natürlich süß, weil wir genau das in Deutschland regelmäßig erleben, wenn es ums Tempolimit geht, aber das ist eine andere Geschichte.)

Die unklare Situation, die so ähnlich ja auch in Deutschland herrscht, führt aber letztlich dazu, dass die Verantwortung bei den Künstler*innen liegt: Acts wie Ben Folds, Taylor Swift, Death Cab For Cutie, Weezer und die Pet Shop Boys können es sich sicher leisten, mal ein Jahr gar keine Konzerte zu spielen (wobei die finanziellen Löcher, die entstehen, da auch durchaus größer sein mögen, als man sich das von außen so verstellen kann), aber es trifft auch ihre Crews, die lokalen Veranstalter*innen und Venues (auch hier denkt man erst mal: „Wenn Taylor Swift nicht kommt, wird das Staples Center nicht zumachen müssen“, aber Fakt ist: da kommt ja auch sonst niemand!.

Ganz brutal runtergebrochen heißt das: Am Ende muss Ben Folds der Thekenkraft in der Kölner Live Music Hall ins Gesicht sagen: „Du, sorry wegen Deines Studentenjobs, aber hier geht's gerade um Leben und Tod!“ (Folds hatte für dieses Jahr keine Deutschlandtermine angekündigt, aber ich wollte es ein bisschen greifbarer machen.) Und das sollte nicht seine Verantwortung als Musiker und Entertainer sein, sondern die der Politik. (In meinem Gehirn setzt sich jetzt Armin Laschet stattdessen an den bereitstehenden Flügel in der Live Music Hall, weswegen ich meinen kleinen Ausflug in die kritische Betrachtung gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge an dieser Stelle lieber beende.)
 

Was macht der Garten? Die ersten Erdbeeren (und davon gibt's dieses Jahre erstaunlich viele) sind schon rot, die Tomatenpflanzen blühen, die ersten zwei Salatköpfe haben wir schon gegessen.
 
Was hast Du gehört? Weil ich bei Igor Levits Beethoven-Podcast ein bisschen auf die Bremse treten musste, bevor die Lieferkette abreißt (diese Metapher wurde Ihnen präsentiert von Corona-Krise 2020), habe ich mit „Fake Doctors, Real Friends“ (Apple Podcasts, Spotify) angefangen, einem Podcast, in dem Zach Braff und Donald Faison, zwei der Hauptdarsteller der Comedy-Serie „Scrubs“, auf jede einzelne Folge der Comedy-Serie „Scrubs“ zurückschauen.

Da „Scrubs“ zu den wenigen Serien zählt, die ich wirklich intensiv geschaut (und geliebt) habe, ist dieser Podcast für mich ein großes Vergnügen. Andere Darsteller*innen und der Showrunner Bill Lawrence kommen als Gäste zu Wort, man erfährt viel über die Hintergründe amerikanischer Serienproduktionen, und man bekommt Lust, noch einmal alle 182 Folgen (okay: die 13 neuen nicht) zu gucken.

The 1975 sind eine Band, die mir immer wieder von Menschen und Algorithmen empfohlen wurde. Jetzt bin ich endlich mal dazu gekommen, ein (neues) Album von ihnen zu hören — und ich muss sagen: „Notes On A Conditional Form“ (Spotify, Apple Music) ist jetzt nicht unbedingt der beste Einstieg. 80 Minuten Laufzeit, 22 Songs, die klingen, als hätte man die Songs dreier verschiedener Alben („einmal John Mayer, einmal The Killers und einmal Caféhaus-Dubstep zum Mitnehmen, bitte!“) wild durcheinandergewürfelt und in eine Playlist gepackt. (Hatte ich erwähnt, dass das Album mit einer fünfminütigen Ansprache von Greta Thunberg beginnt?) Das ist einerseits ein bisschen anstrengend, andererseits vermutlich im Zeitalter von Spotify konsequent zu Ende gedacht. Und viele der Songs sind einzeln auch zuckersüß und wundervoll und klingen wie das Gefühl, sich zu verlieben. 

Etwas überraschend hat Carly Rae Jepsen am Donnerstag „Dedicated Side B“ (Spotify, Apple Music) herausgebracht, die - der Name deutet es an - B-Seite zu ihrem letztjährigen Album „Dedicated“. Es hat beim ersten Hören nicht ganz so die zwingenden Hits wie das „Original“ (und der Titel ist natürlich nicht hilfreich, um es nicht als Verwertung von Ausschussware zu verstehen), aber es macht natürlich trotzdem Spaß.

Was hast Du gelesen? Ich habe „Yesterday“ (Ihr wisst schon: der Film, in dem alle Menschen bis auf einen die Existenz der Beatles vergessen haben) immer noch nicht gesehen, aber jetzt habe ich einen Artikel über Jack Barth gelesen, den Mann, der die Idee zu dem Film hatte, der das Originaldrehbuch schrieb — und der in den credits und bei der Promotion des Films ziemlich übergangen wurde.

Außerdem gibt es bei „Zeit Online“ einen schönen Artikel von Ilona Scholl, die sich freut, als Kellnerin nach dem Lockdown wieder Gäste empfangen zu dürfen. (Was nicht gerade zur Reduktion meines oben erwähnten schlechten Gewissens beiträgt.)

Was hast Du gesehen? „The World According To Jeff Goldblum“ ist ziemlich genau das, was der Titel verspricht: Jeff Godlblum, den man ja eigentlich eh nur super finden kann, beschäftigt sich für National Geographic (zu sehen auf Disney+) mit Dingen, die unseren Alltag bestimmen: Eiscreme, Turnschuhe, Jeanshosen, Fahrräder, ...

Das ist weitgehend erfrischend unspektakulär, aber Goldblum bringt da mit seiner Neugierde und seiner Ausstrahlung sehr viel Wärme und Herzlichkeit rein, es ist zwischendurch graphisch originell umgesetzt — kurzum: der Zuschauer und der Fernsehmacher in mir kommen beide auf ihre Kosten und das passiert auch nicht alle Tage.

Außerdem habe ich bei Amazon Prime Video „Ladybird“ geschaut, das Regiedebüt von Greta Gerwig: Eine wunderbare, realistische coming of age story mit einer großartigen Saoirse Ronan in der Hauptrolle und einer grandiosen weiteren Besetzung. Das Timing, die Stimmung, die Länge — hier passt einfach alles und es ist bestimmt wahnsinnige Arbeit, das alles so leicht und nebensächlich aussehen zu lassen!

Was hast Du gelernt? Jacqueline Kennedy Onassis ist nur 64 Jahre alt geworden. (Ich bin mal wieder irgendwie in so einen Wikipedia-Kaninchenbau geraten und habe dabei mal wieder festgestellt, dass die Biographien der first ladies oftmals viel interessanter sind als die der dazugehörigen Präsidenten. Einer der wenigen Fälle, wo der amtierende Präsident keine Ausnahme bildet.)
Songs über den Lockdown werden uns jetzt vermutlich länger verfolgen. Wenn sie so gut sind und so viel Spaß machen: meinetwegen!
Stay positive, Euer Lukas

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