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13. April 2021 / Nummer 19

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Anlaufstelle für Dienstmädchen
Sinp'arispa
Trenzando
Ñañope

Bolivien: Sucre - Santa Cruz 
IBAN: CH13 0900 0000 6056 2232 2
Sphärische Chopin-Harfenklänge begleitet vom Jugendorchester im einfachen kleinen Saal der Musikschule vom Projekt Hombres Nuevos in Santa Cruz. Nach einem Moment der blinden Verzückung reisse ich die Augen weit auf und verstehe, dass ich nicht mehr in Bolivien, sondern bereits zurück in meinem Bett in Reigoldswil bin und nicht etwa erstaunlich versierte bolivianische Jugendmusiker*innen, sondern unsere Tochter Laila beim Klavierüben höre. Natürlich, es ist ja auch schon nach zehn Uhr morgens, obwohl sich mein Körper wie mitten in der Nacht anfühlt. Unendlich weit weg liegt schon wieder das Armenquartier, in dem an einer der wenigen asphaltierten Strassen die Musikschule liegt, wohin ich Rafael vorgestern noch begleitete, damit er sein Beleuchtungsequipment nach erfolgreicher Ausleuchtung einer Videoproduktion aus Einzelteilen des Jugendorchesters zurückholte. Meine Heimreise kurz danach ging eigentlich ziemlich schnell und gut, da ich in Madrid den recht knappen Weiterflug glücklich erreicht habe. Weil es kein direkter Anschlussflug war, musste ich durch die Migration zum Check-In und zurück durch alle Sicherheitskontrollen und war dabei so sehr unter Zeitdruck, dass ich mich nur am Rande über die mangelhaften Hygienemassnahmen in Madrid aufregte, die mir nach meinem Bolivienaufenthalt erst recht mager vorkamen. Vergeblich suchte ich nach Desinfektionsmittel und staunte, wie nahe sich die Menschen in der hektischen Menge kamen.
Der Standard der Hygienemassnahmen zur COVID-Prävention ist in den Städten Boliviens tatsächlich höchst beeindruckend. Busse und Taxis haben eingebaute Plastiktrennwände, die Leute tragen allenthalben Gesichtsmasken, auch die wenigen Kinder, die trotz der Ansteckungsangst der Eltern überhaupt aus dem Haus dürfen, und halten Abstand, auf der Strasse, im Verkehr, in den Geschäften, beim Sport und selbst in weiten Bereichen der Märkte. Auf letzteren gibt es je nach Armuts- und Bildungsgrad der Menschen grössere Ausnahmen, aber die Ausnahme bestätigt die Regel. Seit über einem Jahr findet die Schule in den Städten nur noch virtuell statt. Alles wird akribisch desinfiziert, selbst dort, wo es für uns keinen Sinn zu machen scheint, wie etwa bei den Schuhsohlen beim Betreten von Geschäften und Institutionen oder bei den Reifen von Überlandfahrzeugen. Hunderte von Male am Tag kann ich meine Hände desinfizieren, selbst wenn ich keinen Alkoholspray bei mir trage: Im Bus, im Taxi, an jedem Geschäftseingang oder wo auch immer finde ich Desinfektionsmittel vor, das mir grosszügig angeboten wird, und meist wird es mir gleich gütig auf die Hände gesprayt, von eigens dazu angestelltem Personal und oder vom Gastgeber, wenn ich irgendwo zu Besuch bin. Das ist für mich alles andere als selbstverständlich, war es doch bei meinem letzten Bolivienaufenthalt noch unerlässlich, dass ich stets Toilettpapier und Seife mit mir trug, um Krankheitserregern vorzubeugen, vor allem aber auch, weil ich damals noch lange Diskussionen über die Denkbarkeit von (Tröpfchen-) Übertragung führte und dabei immer wieder festgestellt hatte, dass Krankheit anders interpretiert und Ansteckung kaum in Betracht gezogen wurde. Da hat sich durch COVID also kolossal viel verändert.
Fernsehinterview der Leiterinnen der beiden Anlaufstellen Sinp'arispa und Ñañope
am Tag unserer Ankunft, 30. März, Tag der Hausarbeiterin
Rechts: Schoggiverteilen kommt immer gut an.
Das Besprühen der fremden Hände mit Alkohol scheint mir sogar zu einer neuen Form des Begrüssungsrituals geworden zu sein, das den Händedruck ablöst. Gerade im subtropischen Santa Cruz erinnert es mich an die biblische Fusswaschung. Hingebungsvoll und wohltuend werden meine ausgestreckten Hände von allen Seiten mit Alkohol besprüht, und ich kann den schweissvermischten Staub und Schmutz der Strasse zurücklassen und meinem Gegenüber erfrischt begegnen. Ob hierbei unbewusst ebenso an das traditionelle rituelle Verspritzen von alkoholischen Getränken bei der K'oa angeknüpft wird wie vielleicht an die Fusswaschung, frage ich mich, lasse diese Gedanken aber in der Luft und kümmere mich um meine ganz konkreten Aufgaben, denn deren habe ich mir nicht wenige vorgenommen für die knappen Tage meines Aufenthalts. 
Der Besuch der beiden Anlaufstellen in Santa Cruz und in Sucre mit vielen Fragen und Eindrücken, die berührende Empfangsfeier in Sucre, die Besprechung meines Manuskripts mit meinen Gesprächspartnerinnen und vor allem die Planung des Erweiterungsbaus in Santa Cruz und die Evaluierung seiner coronabedingt mangelhaften Fortschritte halten mich gebührend auf Trab und gönnen mir nur wenige Stunden Schlaf im geteilten Bett, da der Erweiterungsbau noch längst nicht bezugsbereit ist. Trotzdem fühle ich mich kaum erschöpft, denn die Herzlichkeit und Dankbarkeit, mit der mich die (jungen) Frauen und die Mitarbeiterinnen immer wieder beschenken, nähren meine Seele nachhaltig. Und zur Dankbarkeit der direkt Beteiligten der beiden Anlaufstellen, kommt noch die Wertschätzung von Seiten des emeritierten spanischen Bischofs Nicolás Castellanos im Armenviertel Plan 3000 und des Generalvikars des Erzbistums Santa Cruz, der uns in der Anlaufstelle sogar mit einem Besuch beehrt.
Neben Rafael sitzt der Generalvikar des Erzbistums Santa Cruz, Padre Juan Crespo, und isst sehr zufrieden mit uns auf der kühlen Terrasse vor dem unfertigen Erweiterungsbau.
Während ich meinen Erinnerungen nachhänge, diese Zeilen schreibe und Skizzen für den weiteren Bau in Santa Cruz zeichne, sehe ich aus meinem Fenster nicht mehr die seit meinem letzten Besuch üppig gewachsenen Mango-, Papaya und Bananenbäume und schaue auch nicht mehr dem fleissigen Wildbienenvolk zu, sondern den Schneeflocken, die um die blühenden Baselbieter Obstbäume wirbeln. Nicht nur das kommt mir ein bisschen verkehrt vor, eigentlich schwebe ich selbst wie diese Flocken zwischen den Jahreszeiten und Hemisphären und versuche dennoch, auch den Schweizer Alltag mit dem liegengebliebenen Bürokram wieder in den Griff zu bekommen und mich für den Einstieg ins Sommerquartal in den Schulen bereit zu machen. Bei all dem spüre ich, dass das, was mich wirklich trägt, die Schwingungen zwischen den Herzen sind, hier und dort, auf kurze oder auch auf weite Distanzen, die wie Schneeflocken oder Blüten um die Herzen tanzen. Die Sterne, in die wir nachts blicken, sind dieselben, hier und dort, unsere Hoffnungen und Träume verbinden sich und erhalten gerade dadurch ihre Kraft.
Unvergesslich klingen in mir die Segenswünsche der ganz jungen, superengagierten Freiwilligen in Santa Cruz nach. In einem öffentlichen Bus hatte sie einst von Daysi Ortiz, der Leiterin von Ñañope kurze Infos und einen Flyer erhalten, erzählt sie mir, das Ganze dann eine Zeitlang vergessen, aber als ihre Mutter als Hausarbeiterin Schwierigkeiten mit ihrer Arbeitgeberin bekam, kam sie in die Anlaufstelle und erhielt so gute Unterstützung, dass sie mir von ganzem Herzen dankt. "Dass diese Anlaufstellen da sind und so wunderbar wirken, dafür bin ich unendlich dankbar", sagt sie und blickt mir tief in die Augen. "Möge Gott für all das reichlichen und immerwährenden Segen schenken!"
Eine Gesprächspartnerin für meinen Dokumentarbildband begutachtet das Manuskript
Ganz rechts die engagierte Freiwillige bei einer Präventionsaktion gegen Menschenhandel
Deshalb will ich, zurück in der Schweiz, als Wichtigstes euch allen zuerst einmal schreiben, um euch diesen Dank und diesen Segen weiterzuschenken, denn ohne eure tatkräftige und treue Unterstützung wäre nichts von dem allem möglich geworden und geblieben!
Besonders dankbar bin ich unserem Sohn Rafael, mit dem ich diesmal nach Bolivien gereist bin und der nun in Santa Cruz bleibt, wo er heute Geburtstag feiert, die Bauleitung übernommen hat, Ñañope weiterhin tatkräftig unterstützen und ein Theaterstudium beginnen wird. Das ist allenthalben ein absoluter Glücksfall. Ihm danke ich von ganzem Herzen für seine Unterstützung und Hingabe und wünsche ihm alles erdenklich Gute, viel Kraft und Gesundheit nach dem ersten heftigen Krankheitsfall in Sucre (kein COVID, Gott sei Dank) und natürlich viel Wärme, sowohl in klimatischer wie auch in menschlicher Hinsicht. ¡Que te vaya muy bien, hijo querido, y cuídate mucho!
"Sinp'arispa", heisst die gut funktionierende und schon weit herum bekannte Anlaufstelle für Dienstmädchen in Sucre; das bedeutet in Quechua "flechtend". Dienstmädchen werden aus ihrer Isolation herausgeholt, vernetzt, gestärkt und aufgerichtet. Sie helfen sich gegenseitig weiter und flechten Freundschaften. Die junge Zweigstelle in Santa Cruz, heisst "lasst uns flechten" in Guaraní: "Ñañope". Schaffen wir es, den nötigen Erweiterungsbau zu finanzieren?
Herzlichen Dank für alle bisher schon eingegangenen Spenden!
Newsletter an Freunde und Bekannte mit der entsprechenden Empfehlung weiterzuleiten, kann noch mehr bewirken! 

Spendenkonto CH13 0900 0000 6056 2232 2


Trägerverein Anlaufstelle für Dienstmädchen in Bolivien
4410 Liestal
Maria Magdalena Moser, Projektleitung
mmm@dienstmaedchen-bolivien.org
www.dienstmaedchen-bolivien.org
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